29.01.2015

Aus unserer Arbeit

Peter Bindl

Peter Bindl

Die gesetzliche Betreuerin von Frau A. rief an. Sie habe eine Klientin, die sei sehr vergesslich und manchmal auffahrend. Die Hausärztin sei von ihr schon aus der Wohnung geworfen worden. Die alte Dame wolle zu Hause bleiben und auf keinen Fall ins Pflegeheim. Ohne Begleitung gehe sie nicht mehr aus der Wohnung. Ob wir es mal versuchen wollten?

Frau A. lebt allein in ihrer drei-Zimmer-Wohnung im Wiesbadener Westend. Gemeinsam mit der Betreuerin fand mein erster Besuch statt.

Zu Frau A. fand ich gleich einen Draht. Ich stellte mich vor und wir hatten ein nettes Gespräch über dies und das. Ich machte ihr nichts vor, versuchte aber auch nicht sie zu korrigieren. Von der Betreuerin bekamen wir den Wohnungsschlüssel und begannen mit unseren Besuchen.

Schnell merkten wir: Frau A. hat durchaus ihre Launen. Meist ist sie freundlich und sucht Nähe, manchmal aber wird sie auch sehr laut. Dann wirft sie wütend Dinge auf den Boden oder ihr Essen auf Rädern ins Klo. Besonders schlimm ist es, wenn sie Dinge nicht findet, die sie weggeräumt hat.

Schuld sind dann immer ihre Kinder. Bei diesem Thema kann sie ganz wild werden, und sie tut mir dann leid. Denn die Kinder haben den Kontakt abgebrochen. Frau A. war wohl als Mutter nicht immer verlässlich und liebevoll…

Fotos hängen an der Wand, die von ihrem Leben erzählen. Darauf angesprochen erzählt sie von ihrer Zeit im Wanderclub oder beim Erdbeerfest in Erbach, wo sie jahrelang mithalf. Die Puppen-Sammlung im Nebenzimmer ist ihr ganzer Stolz.

Einmal wurde sie von der  Polizei aus der Wohnung geholt. Besorgte Nachbarn hatten im Revier angerufen. Frau A. habe gedroht, sich vom Balkon zu stürzen (sie wohnt im 3. Stock). Was genau vorgefallen ist, war nie zu klären.
Nachdem Frau A.  aus der Psychiatrie entlassen war, erklärte sich die Betreuerin schweren Herzens bereit für einen weiteren Versuch. Die Medikation war angepasst worden und Frau A. wurde etwas ruhiger.

Das war letztes Jahr.

Heute machen wir drei Besuche am Tag bei Frau A., helfen ihr bei der Pflege, wenn sie dazu bereit ist, achten auf Essen und Trinken, geben die Medikamente. Es hilft eine Dame im Haushalt und begleitet sie auch zum Demenz-Nachmittag des Stadtteils.

In ein Heim will sie immer noch nicht. 

Wie es weiter geht? Wer weiß. Sicher aber ist: Die Wohnung ist ihr Lebensmittelpunkt. Hier, inmitten ihrer Sachen, findet sie Halt. Sie weiß wo sie was zu essen findet, wo die Toilette ist und das Bett, in das sie sich zum Schlafen legt bis der nächste Tag beginnt.

Schön, denke ich, dass das möglich ist, hinter den Fassaden der Stadt. Inmitten eines Mietshauses, wo Menschen sie seit Jahren kennen, tolerieren und achten.

NETZWERK - Unternehmen integrieren Flüchtlinge
Wir bilden aus