09.06.2016

Aus unserer Arbeit

Peter Bindl / Natascha Kidwai

Herr S. ist einer unserer langjährigsten Klienten. Von Beruf war er Schlosser. Vor vielen Jahren kam er als Gastarbeiter der ersten Stunde, um hier Arbeit und Auskommen zu finden. Nun ist er alt geworden im fremden Lande und nirgendwo mehr richtig zu Hause.

Wegen seiner zunehmenden Vergesslichkeit helfen wir ihm schon seit Jahren bei den Medikamenten früh und abends. Trotz Gangunsicherheiten geht er noch alleine raus, kauft sich auch manchmal selbst was ein. Allerdings wurden immer stärker Anzeichen zunehmender Pflegebedürftigkeit sichtbar. Auch nahm er immer mehr ab, die Hosen wurden immer weiter.

Wir aber kamen pflegerisch nicht an ihn heran. Immer freundlich, verwahrte er sich gegen alle Angebote, ihm auch bei der Pflege zu helfen. Schließlich baten wir unsere Alltagshilfe Natascha Kidwai, es zu versuchen. Ihr gelang es, in kurzer Zeit, für Herrn S. wieder eine geordnete Lebenssituation herzustellen.

Natascha, wie ist Dir das gelungen? Herr S. hat sich ja von Niemanden von uns helfen lassen?

Er hat mir erst mal erzählt von seinem Leben, und ich habe ihm zugehört. Er war ja so eine Art Lebemann gewesen, kennt das Park-Café in der Wilhemstraße, war auch oft aus zum Tanzen. Auch wenn er jetzt wenig Geld hat sind noch viele Markenanzüge in seinem Kleiderschrank. Er kannte auch das frühere Geschäft meines Vaters in der Fußgängerzone. Viele Fotos von früher haben wir zusammen angeschaut. Das alles war so eine Art Brücke.

Ich habe ihm dann einfach seine guten Sachen rausgelegt und gesagt „Jetzt wird gebadet!“. „Wenn man frische Sachen anzieht, muss man vorher baden…“

Ich lese in einem Pflegebericht von Dir: „Heute geduscht, rasiert, Fingernägel geschnitten, Nasen- und Ohrenhaare geschnitten“...

Nun, ich habe ja eine gewisse Stimme, eine gewisse Größe, also schon eine Art Bestimmtheit. Ich habe aber auch gegenüber Herrn S. eine Wertschätzung als Mensch, die er sicher spürt. Manchmal lehnt er seinen Kopf an meine Schultern. Warum auch nicht? Ich habe ihm schon die Grenzen deutlich gemacht.

Für Dich gibt's jetzt kein Problem mehr…?

Nein, gar nicht. Er hat ja auch von sich aus aufgeräumt, ausgemistet, auf seine Art, aber er hat `s getan und ich rede ihm da auch nicht rein.

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