07.05.2017

War das Essen schon da?

Christa Roth

Christa Roth arbeitet seit Anfang August letzten Jahres bei Licht & Schatten

Seit einigen Monaten besuche ich 3mal wöchentlich Frau Wagenfeld.
Frau Wagenfeld ist 76 Jahre alt und seit längerem an Demenz erkrankt. Sie kann ihre Wohnung nicht mehr alleine verlassen, weil sie den Weg zurück nach Hause nicht mehr findet. Sie lebt alleine und wird von ihrer Familie versorgt. Da die Familie berufstätig ist, wurde Betreuung für einige Stunden die Woche gesucht und bei Licht und Schatten gefunden.

Ich war bei meinem ersten Besuch bei Frau Wagenfeld angespannt, wer mich da wohl erwartete. Auf mein Klingeln öffnete sich die Tür, und ich traf auf eine hochgewachsene gepflegte Dame. Wir mochten uns auf Anhieb, aber ich hatte den Eindruck, dass mein Besuch auch stressig für sie war. Der Tisch war gedeckt, und es gab Kaffee und Kuchen. Sie wollte ihre Krankheit vor mir verbergen und hat mich als Gast behandelt, mit dem sie so recht nichts anfangen konnte.

Wir lernten uns mit der Zeit kennen, und sie fasste Vertrauen zu mir. Jetzt sprechen wir offen über ihre Krankheit. Sie fühlt, dass es noch zu früh für sie ist für ein Heim und möchte so lange wie möglich zu Hause bleiben. Sie fügt hinzu, wenn ich anderer Meinung sei, solle ich es ihr ruhig sagen. Wir machen gemeinsam Puzzles und Frage- und Antwortblöcke, um ihr Gedächtnis zu schulen.

Ich gehe mit Frau Wagenfeld einkaufen, wir machen ausgedehnte Ausflüge und besuchen Museen in der Nähe. Wir sind mit dem Bus nach Mainz gefahren, um den Dom zu sehen. Sie liebt den Kontakt zu anderen Menschen, sie mag Gesellschaft, und ich bin ihre „Gesellschafterin“. Gemeinsame Spaziergänge sind oft amüsant. Wir wollten auf dem Friedhof das Grab ihres Ehemannes besuchen, suchten und suchten und konnten es nicht finden. Wir mussten Beide herzlich lachen als wir merkten, dass wir praktisch auf dem Grab standen! Und In der ganzen Zeit, die wir miteinander verbringen, fragt sie immer mal wieder “War das Essen eigentlich schon da?”

Ich schätze an ihr ihren Humor und ihre ungeschminkte Betrachtungsweise der Dinge. Ihr Blick auf Situationen ist für mich immer wieder überraschend:
Sie bekam mit ihrem Essen auf Rädern eine Birne als Nachtisch und hielt das für ein Zeichen dafür, dass an ihrer “Birne” etwas nicht stimmt.

Sie kann sehr gut rechnen, weiß unendlich viel auswendig und singt und tanzt gerne.

Durch meine Bekanntschaft mit Frau Wagenfeld habe ich die liebenswerten und auch anstrengenden Facetten der Demenzerkrankung kennen gelernt. Ich hoffe, wir können noch ganz viel Zeit miteinander verbringen!

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