11.06.2018

“Ist das die Grippe?”

Frau Jung wohnt in der Nähe des Hauptbahnhofs, wo früher ihr Mann gearbeitet hat.

Sonntags morgens oder des Nachts, wenn es ganz leise ist, kann sie die Züge über die Schienen rollen hören. Geräusche, die an früher erinnern und daran, wie ihr Mann morgens zur Arbeit aufbrach. In ihrer Wohnung mit den vielen gehorteten Sachen, in der sie jetzt ganz alleine wohnt, kennt sie sich aus.

Sie weiß, wo die Küche ist, wo ihr Bett steht, wo es zur Toilette geht und dass sie Frau Jung heißt und dass dieses ihr Leben ist.

Manchmal, im Sommer, kann man sie die Treppen herunter locken und sich gemeinsam mit ihr vors Haus setzen, ein bisschen reden.

Der Rücken macht ihr ständig Probleme. Gegen die notwendige Untersuchung beim Arzt wehrt sie sich aber mit Händen und Füßen. So erhält sie von uns starke Schmerzmittel und kommt damit einigermaßen über die Runden.

Essen und Trinken ist überhaupt nicht ihr Ding. Sie habe einfach keinen Appetit und keinen Durst, sagt sie. Immer sind wir deshalb an ihr dran. Manche von uns kochen auch mit ihr gemeinsam, essen mit und prosten mit ihr. Dann geht es besser.

Auch der Kleiderwechsel und die Pflege sind of schwierig.  Wir müssen uns mit den Möglichkeiten arrangieren.

Nach einem langen Leben möchte Frau Jung am liebsten, das alles so bleibt, wie es ist. Ein Pflegeheim kommt für sie gar nicht infrage. Immer, wenn sie sich schlecht fühlt und sie mit ihrem Schicksal hadert fragt sie: “Ist das die Grippe“?

Sie lebt so wie sie es kann und wie sie es möchte. Auf einen Abend folgt ein Morgen und wieder ein Abend und ein neuer Tag.

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