19.07.2018

Die Cyber-Mafia auf unseren Computern

Wie wir den Trojaner besiegten

Ich kam an diesem Tag schon früh ins Büro. „Medifox“, unsere Pflegedienst-Software, funktioniere nicht, war das Erste, was ich hörte.

Ich setzte mich an meinen PC. Nichts erschien auf dem Bildschirm – außer einer Nachricht auf Englisch: Alles sei jetzt verschlüsselt und man solle per E-Mail einen Code aufrufen (wo dann nach Zahlung einer schönen Summe man wieder die Freischaltung bekäme – so hatte ich es schon in den Nachrichten gehört).

Puuh! Erst mal begann ich meine vorgesehene Arbeit: Klienten besuchen, vor allem aber mussten heute die Medikamente für unsere Klienten gerichtet werden.

Irmtraud (meine Frau) kam, rief Alex, unseren System-Administrator an. Seit Jahren betreut Alex unser Intranet und ist sowas wie ein Freund unseres Dienstes. Das höre sich gar nicht gut an, ließ der sich vernehmen. Sobald er Zeit hätte…

Mittags war immer noch nichts geschehen. Wir riefen bei einem weiteren PC-Spezialisten an, den uns eine Kollegin genannt hatte. Sowas könne Tage oder Wochen dauern, sagte der, wenn s überhaupt noch was werde…

Aber wie sollte ich die heutigen Spät-Dienste planen, wie den Frühdienst des nächsten Tages? Die Kolleginnen mussten wissen, zu wem sie gehen sollten und was dort zu tun ist. Meine ganze Planung für 80 Klienten und 25 Kollegen war in den PC s und da konnte ich nicht ran.

Wir riefen die KollegInnen, an, die gerade bei den Klienten arbeiteten, damit sie unsere Besuchspläne dort abschreiben, wer von uns wann dort angekündigt war.

Jetzt hatte ich einige Anhaltspunkte. Ich begann alles mit der Hand aus dem Gedächtnis aufzuschreiben, verglich es mit früheren Plänen. Nach Stunden war alles fertig. Ich aber hatte gehörig Kopfweh.

Klar war für uns: Zahlen an die Cyber-Mafia ist nicht, sowas unterstützen wir nicht mit dem Geld des Dienstes… Vielmehr ging Irmtraud zur Polizei und stellte Strafanzeige. Die waren nett, sagten aber auch, dass man solche Leute sowieso nicht kriegen könne.

Dann kam Alex, eher schlecht gelaunt. Er hatte eigentlich was Anderes mit seinem Abend vor. Er sah sich alles an und wurde noch brummiger: „Ihr habt nicht aufgepasst! Ihr habt irgendeinen E-Mail Anhang aufgemacht und da war dieser Virus drin und jetzt ist alles kaputt…“, sagte er, und blickte mich dabei an…

Dann machte er sich an die Arbeit. Das sei ein „Trojaner“, ein Computer-Virus, der seit Januar bekannt sei, sagte er nach einiger Zeit. Er machte sich an meinem Schreibtisch breit mit meinem Computer, zwei Monitoren, seinem Lap-Top und hatte sich den PC-Server beigeholt. Auf dem Boden: Kabelsalat.

Nach und nach wurde seine Laune besser. Unsere Hintergrund-Sicherheitssysteme hatten gehalten, vielleicht ging ja doch was… Auf allen PC s im Büro liefen Diagramme, Alex war unterwegs zwischen den Arbeitsplätzen, hämmerte Befehle in die Tasten.

Als ich dann Pizza bestellte, war schon alles auf einem guten Weg. Der erste Computer funktionierte wieder. Nach viereinhalb Stunden war Alex fertig. Alle Computer liefen einwandfrei.

Ich fühlte eine gewisse Genugtuung: Wir hatten die Cyber-Mafia besiegt!

Es war 21.15, als ich nach Hause kam und bei einem kalten Bier mit Irmtraud zu Mittag aß, kaputt aber doch auch irgendwie zufrieden.

Peter Bindl

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